Subjektiv jünger. Objektiv ignoriert.
- Detlef Arnold
- 24. März
- 3 Min. Lesezeit
Warum Werbung G50plus verfehlt. Und was sich ändern muss: Menschen ab 50 sind die einzig wachsende Konsumzielgruppe Deutschland. Und sie rückt zunehmend in den Fokus. Neue Studien zeigen, wie stark sich ihre Lebenswirklichkeit verändert hat. Und wie deutlich Werbung und Marketing hinterhinken.
Zeit für eine Einordnung. Und für konkrete Impulse, wie wir Werbung für die größte, weiterwachsende und wirtschaftlich attraktivste Zielgruppe erfolgreicher gestalten können.
Alter hat sich verändert. Werbung nicht
Wer heute 50 ist, fühlt sich wie 40. Wer 60 ist, wie 50. Selbst viele 75-Jährige erleben sich subjektiv noch als 60. Diese gefühlte Verjüngung ist kein Bauchgefühl. Sie ist wissenschaftlich belegt. Laut einer Studie von Markus W. (Humboldt-Unversität Berlin) liegt das subjektive Alter im Schnitt 11,5% unter dem tatsächlichen. Mit jeder Generation wächst dieser Effekt. Menschen,die heute 60 sind, fühlen sich im Durchschnitt deutlich jünger als Gleichaltrige vor 20Jahren.
Das bedeutet: Die »jüngeren« Generationen, geboren 1952 bis 1974, empfinden sich mit 40 Jahren schon 13 Prozent jünger und mit 65 Jahren bis zu 17 Prozent jünger, als sie sind.
Und: Das subjektive Alter ist ein „biopsychosozialer Marker“: Wer sich jünger fühlt, lebt auch real aktiver, gesünder und zufriedener. Doch während sich das Alter dramatisch wandelt, bleibt die Werbung erstaunlich konstant. Ein Blick in den abendlichen Werbeblock genügt: Sie zeigt entweder den Opa im Treppenlift oder die Super-Oma auf dem Skateboard.
Beide Bilder haben mit der heutigen Realität wenig zu tun. Die Werbung erzählt ein Bild vom Alter, das immer weniger mit dem zu tun hat, was Menschen 50+ tatsächlich denken, fühlen, leben und kaufen.
Die Kulturzeitschrift PAGE formuliert treffend: "Während die Älteren immer mehr werden und längst ein radikal verjüngtes Selbstbewusstsein haben, ignoriert die Werbung sie oder hält an überholten Ruhestandsklischees fest"
Der wirtschaftliche Faktor 50+: die unterschätzte Mehrheit
Laut PwC und tagesschau sind die Babyboomer – rund 20 Millionen Menschen – der wichtigste Konsummotor Deutschlands. Sie verfügen über Kaufkraft, Vermögen, Markenaffinität und digitalen Alltag. Und doch werden sie in der Marketingarbeit sträflich vernachlässigt.
Nur 5–10 Prozent der weltweiten Marketingbudgets adressieren die Generation 50+, obwohl sie für mehr als die Hälfte des privaten Konsums steht.
Hinzu kommt ein überholtes mediales Dogma: Die Zielgruppe der 14–49- Jährigen gilt in vielen Media-Strategien noch immer als ausschließlich „werberelevant“. Diese Ausgrenzung der Menschen ab 50 stammt jedoch aus der Zeit des linearen Fernsehens. Und ignoriert die Realität einer digitalisierten, altersübergreifend konsumierenden Gesellschaft. Heute sind Menschen über 50 in allen relevanten Kanälen aktiv: TV, Print, Social, On-Demand. Aber sie werden dort nicht adäquat angesprochen.
Was es jetzt dringend braucht: einen konsequenten Perspektivwechsel
Kein kosmetisches „Dazu-Tun“ in Kampagnen, sondern eine ernst gemeinte, systematische Neuausrichtung von Markenansprache und Kreativarbeit. Erstens: Kommunikation muss sich an Lebensphasen und Haltung orientieren. Nicht an Alterszahlen. Menschen ab 50 sind nicht automatisch gleich. Ihre Biografien, Werte, Routinen und Ziele unterscheiden sich zum Teil stark.
Zweitens: Die Ansprache muss respektvoll, relevant und emotional sein. Ohne in Verklärung oder Verjüngung zu verfallen.
Drittens: Marken müssen sich aus der Jugendfixierung lösen. Nicht, weil Jugend nicht mehr relevant ist. Sondern weil G50+ inzwischen die wirtschaftlich bedeutendere Gruppe ist. Mehr Kaufkraft, mehr Markenpotential, mehr Konsum. Eine Zielgruppe, die keine Selbstdarstellung sucht, sondern Substanz erwartet. Auch in der Kommunikation.
Viertens: Es braucht mehr altersdiverse Teams in der Kreativbranche. Nur so kann die kreative Perspektive breiter, realistischer und zukunftsorientierter werden. Die Diskussion um Gender- und Diversitätsgerechtigkeit darf nicht an der Altersgrenze enden.
Wer das wirtschaftliche Potenzial der Generation 50+ jetzt erschließen will, braucht neue Perspektiven, tragfähige Narrative und altersdiverse Teams, die diese neue Wirklichkeit auch strategisch, kreativ und medial abbilden.